Warum bekomme ich mein Essverhalten nicht in den Griff?
Warum es oft um mehr als Essen geht

Viele Menschen, die seit Jahren mit ihrem Essverhalten kämpfen, wissen längst erstaunlich viel.
Sie wissen, dass Hungern keine dauerhafte Lösung ist. Sie wissen, dass ein Essanfall das eigentliche Problem nicht löst. Sie haben Ernährungspläne ausprobiert, Bücher gelesen, vielleicht eine Therapie gemacht und sich immer wieder vorgenommen, es diesmal anders zu machen.
Und trotzdem kommt irgendwann dieser Moment:
Warum mache ich das immer noch?
Vielleicht lohnt es sich dann, die Frage zu verändern.
Nicht nur:
Warum esse ich so?
Sondern:
Was passiert in meinem Leben, bevor das Essen zum Problem wird?
Essen kann eine Aufgabe übernehmen
Essen ist nicht automatisch emotionales Essen. Und auch Essstörungen haben nicht bei allen Menschen dieselben Ursachen.
In meiner Arbeit als Körperpsychotherapeutin interessiert mich deshalb die individuelle Geschichte eines Menschen.
Denn Essen oder Nicht-Essen kann im Laufe eines Lebens unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Es kann beruhigen. Betäuben. Spannung regulieren. Ein Gefühl von Kontrolle herstellen. Trost geben oder dabei helfen, Gefühle für einen Moment nicht wahrnehmen zu müssen.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur:
Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?
Sondern auch:
Wofür habe ich es irgendwann gebraucht?
Was passiert vor dem Essen?
Manchmal beginnt die entscheidende Situation Stunden vor dem Kühlschrank.
Vielleicht hast du bei der Arbeit wieder Ja gesagt, obwohl du Nein meintest.
Vielleicht hat dich jemand verletzt und du hast so getan, als wäre nichts.
Vielleicht bist du wütend, erlaubst dir deine Wut aber nicht.
Vielleicht hast du den ganzen Tag funktioniert und erst am Abend bemerkt, wie erschöpft und allein du eigentlich bist.
Das bedeutet nicht automatisch, dass deshalb ein Essanfall entsteht.
Aber es lohnt sich, diese Zusammenhänge zu untersuchen.
Denn wenn Essen eine Regulationsfunktion übernommen hat, reicht die Frage „Wie schaffe ich es, weniger zu essen?“ möglicherweise nicht weit genug.
Was Beziehung damit zu tun haben kann
Wenn Menschen mit Essstörungen zu mir kommen, schaue ich deshalb immer auch darauf, wie sie Beziehung gelernt haben.
Kann ich Nähe zulassen und trotzdem bei mir bleiben?
Kann ich Nein sagen, ohne sofort Angst vor Ablehnung zu bekommen?
Kann ich ein Bedürfnis haben, ohne mich dafür zu schämen?
Kann ich mich abgrenzen, ohne mich schuldig zu fühlen?
Kann ich jemanden brauchen, ohne mich dabei schwach zu fühlen?
Hier begegnen uns häufig Themen wie Selbstwert, Scham, Grenzen, Bindung sowie Nähe und Autonomie.
Nicht als universelle Erklärung für Essstörungen.
Sondern als mögliche Teile einer individuellen Geschichte.
Ich kenne diesen Kampf auch persönlich
Ich selbst hatte ungefähr von meinem elften bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr ein schwieriges Verhältnis zum Essen, insbesondere mit bulimischen und restriktiven Phasen.
Wenn ich heute zurückblicke, war eines der schmerzhaftesten Gefühle nicht einmal das Essen selbst.
Es war das Gefühl, von mir abgeschnitten zu sein.
Eigentlich wollte ich dazugehören. Ich wollte mich willkommen und sicher fühlen.
Und gleichzeitig versuchte ich, möglichst wenig angreifbar zu sein.
Eigentlich wollte ich dazugehören. Und mein Weg dorthin bestand darin, immer weniger zu brauchen – oder zu verstecken, was ich brauchte.
Heute weiß ich, dass meine Geschichte eben genau das ist: meine Geschichte.
Deine kann vollkommen anders aussehen.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob du dich in meiner Biografie wiedererkennst.
Entscheidend ist die Frage:
Welche Aufgabe hat Essen oder Nicht-Essen für dich übernommen?
Vielleicht ist es Beruhigung.
Vielleicht Kontrolle.
Vielleicht Betäubung.
Vielleicht das Regulieren von Spannung.
Vielleicht geht es um etwas völlig anderes.
Genau dort beginnt für mich therapeutische Arbeit: nicht gegen das Symptom zu kämpfen, sondern neugierig darauf zu werden, warum es überhaupt notwendig geworden ist.
Denn Veränderung bedeutet nicht zwangsläufig, noch härter gegen dich vorzugehen.
Manchmal beginnt sie damit, dich selbst so gut zu verstehen, dass du nach und nach andere Möglichkeiten entwickeln kannst.
Und vielleicht lautet die erste Frage deshalb heute nicht:
„Warum bekomme ich mein Essen nicht endlich in den Griff?“
Sondern:
„Was versucht mein Essverhalten eigentlich für mich zu tun?“









